Geschlechtsspezifische Erziehung

Think Pink oder: Das Lego-Syndrom

Legosteine kennt jedes Kind. Die beliebten Kunststoffklötze der dänischen Firma Lego (dänischen „Leg Godt“ = „spiel gut“beinhalten ein einfaches Prinzip: Steinchen für Steinchen baut man sich seine bunte Kinderwelt zusammen. Ob Haus, Schiff, Auto oder eine ganze Stadt – die Dinge des Lebens sowie die bekannten Legomännchen selbst setzen sich aus den Farben Grün, Gelb, Rot oder Blau zusammen – zumindest bis vor einigen Jahren. Denn mit der Einführung von Rosa-Glitzer-Bausteinen für Mädchen und einer ihnen angegliederten Mädchen-Welt ist Lego zum Syndrom für eine weit um sich greifende Bewegung im Spiel- und Erziehungssektor geworden: Dem Gender-Backlash.

Dieser Backlash bezieht sich indes nicht nur auf einen Rückfall in Weiblichkeitsstereotype (die weibliche Welt der Prinzessinnen, Schönheitssalon und der häuslichen Sphäre). Ebenso betroffen sind kulturelle Vorstellungshorizonte von Männlichkeit, die Jungen altbekanntermaßen mit Technik und – seit einiger Zeit wieder verstärkt – mit Krieg und Militär in Verbindung bringen. Während in den 1970er und 1980er Jahren das Unisex-Spielzeug von Lego also gerade dazu beitrug, den Gender-Gap im Kindesalter zu relativieren und ein technisches Interesse auch für Mädchen zu wecken, werden Geschlechterstereotype nun förmlich im Kindesalter Stein für Stein wieder zusammengesetzt. Das Argument, dass Mädchen durch Rosa-Glitzer-Bausteine doch ‘zum Bauen’ animiert würden, untermauert die unterlegte Klischeebildung nur einmal mehr.

Einem ähnlichen Umkehrschluss wie die Trendforscher von Lego folgt auch der renommierte Bildungssoziologe Klaus Hurrelmann. In Reaktion auf den aktuellen Ländervergleich für Grundschulen, der nach wie vor feststellt, dass Mädchen bessere Ergebnisse im Lesen, Jungen im Rechnen erzielen, forderte er kürzlich im taz-Interview: “In Lesebüchern muss es auch um Technik und Macht gehen, also um Themen, die Jungen interessieren.“ Hier wird im Vorfeld als Klischee festgeschrieben, was Hurrelmann dann in einem zweiten Schritt als Klischee auflösen will, soll heißen: erst die angeblichen geschlechtsspezifischen Interessen aufgreifen, um den Kindern dann zu vermitteln, „dass es heute nicht mehr nötig ist, ein klischeehafter Junge oder ein klischeehaftes Mädchen zu sein.“ Aha. Und wie kommt Hurrelmann zur Gewissheit, dass Jungen per se, Mädchen hingegen kein Interesse an Technik und Macht haben? Die „reine Anlage“, sagt der Soziologe. Zumindest als Teilfaktor.

Hurrelmann liefert damit ein exzellentes Beispiel für eine falsch verstandene Gender-Sensibilität, die hoch im Kurs ist. Dabei dient der Verweis auf die angeblich “natürliche Anlage” als Erklärung für geschlechtsspezifisches Können oder (Fehl-)Verhalten. Das klingt nach klassischer Soziobiologie. Ist es auch. Der angebliche biologische Baukasten der Geschlechter erscheint danach zwar durch Sozialisation überformbar und auch kulturell „korrigierbar“, aber – so muss man sich in der Konsequenz doch fragen – ist das auch wünschenswert? Wenn Mädchen sich nicht für “Macht” interessieren – warum dann überhaupt Macht an Frauen und Mädchen abgeben?

Aber Hurrelmanns Forderung nach “männlichem” Lesestoff scheint sowieso eher auf die angebliche Benachteiligung von Jungen im Unterricht abzuzielen. Wie der Bildungsexperte dazu kommt, die Leseschwäche von Jungen überhaupt mit den angeblichen „Mädcheninhalten“ der Lektüre in Zusammenhang zu bringen, bleibt dabei schleierhaft. Und so zieht sich das Lego-Syndrom bis in die Bildungsforschung und damit auch in die Ausbildung der ErzieherInnen: Die wissen dann wieder eine einfache Antwort darauf, warum Frauen in Naturwissenschaft, Politik und Wirtschaft unterrepräsentiert sind: Das rosa Gemüt eben. Dass die Farbe Rosa zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert noch als “Jungenfarbe” galt, versickert im kulturellen Gedächtnis ebenso wie die kulturellen Vorannahmen gewisser Bildungsexperten. Es wäre indes einen Versuch wert, nicht nur die Farben, sondern auch die damit verknüpften Inhalte erneut auf den Kopf zu stellen.